Sigmar Polke - Ironischer Parawissenschaftler und Stilartist
Subtile Gesellschaftskritik und alchemistischer Humor vereint
Ende der 1970er tauchten zunehmend politische Reflexionen im Werk von Sigmar Polke (1941-2010) auf. „Dr. Bonn“ von 1978 etwa spielt auf den gleichjährigen rätselhaften Gefängnis-Tod der Terroristen Baader und Raspe an, „Sargdeckel“ an den Bau der Neutronenbombe. Das Jahrzehnt ist hervorragend aufgearbeitet worden durch Professor Dietmar Rübel, bis kürzlich noch ein langjähriger Mitarbeiter Kunstgeschichtliches Institut an der Philipps Universität. Er arbeitet nicht nur markant in der jetzigen Polke Hommage-Ausstellung von Klaus Staeck mit, sondern war elementar für das 2009er Hamburger Ganzjahres Polke-Festival „Wir Kleinbürger“. Am 13. Februar wäre Sigmar Polke, der herausragende künstlerische Begleiter der Nachkriegszeit, 70 geworden.

Sigmar Polke und Klaus Staeck, 1997 Foto: Kirsten Klöckner. © VG Bild-Kunst
1963 gründete der Niederschlesier Sigmar Polke zusammen mit Gerhard Richter den Kapitalistischen Realismus, eine ironische Verwendung von Alltagsklischees der westlichen Warenwelt. Bewußt werden Bilder wie „Der Wurstesser“ (1963) gegen die kühle Überhöhung der Pop Art gemalt. Etablierte Kunstdogmen waren ihm stets ein Greuel. Sei es Sozialistischer Realismus oder das Informel im Westen der 1950 und 1960er, also die allgewaltige, nichtfigurative Malerei.Parallel zu Stoff-Bildern aus gestreiften Pyjama Hosen arbeitete die deutsche Antwort auf Andy Warhol und Roy Lichtenberg ebenfalls mit Rastern, Punkten und Motiven aus Illustrierten. Allerdings malt er die Rasterpunkte ausschließlich mit der Hand. Daher liebt er jeden einzelnen Punkt und sieht sie alle als seine „Brüder“ an. 1966 scheint er plötzlich von Höheren Wesen besessen zu sein, die ihn auffordern, nur Flamingos zu malen oder Bilder mit schwarzen Ecken. Das Moment des Zwanges, das Inspirationstheorem, die Gottesbesessenheit des Künstlers, sind alte Topoi, die von unserem Ironiker aber nur als Anspielung auf die Macht von Auswahl-Jurys wie der documenta und deren profane Bevormundung der freien Kunst gemünzt gewesen sind.
Das Kartoffelhaus von 1967 ist ein Beispiel für seine ironische Parawissenschaft: In einer Mischung aus Faradaykäfig und Lattenrost sind aufgespießte Kartoffeln. Die Wachstumskraft des Nachtschattengewächses verteile sich wie ein magnetisches Feld in und über das Konstrukt. Und der eintretende Besucher nähme deren Kraft dann auf.
Berühmt ist die unablässige Farbbewegung, die Changeant-Wirkung, bei unterschiedlichem Lichteinfall oder veränderten Blickwinkel, so bei den 1982er Bildern Negativwert I-III. Sie läßt Bilder aufleuchten und verdunkeln, räumlich fließen. Das farbige Oszillieren erzeugte Sigmar Polke auf der Biennale Venedig 1986 durch hydrosensible Farben, genau: Kobaltchlorid. Je nach Luftfeuchtigkeit wechselte das Wandbild Athanor, nach dem alchemistischen Brennofen getauft, von –feuchtem- Rot nach –trockenem- Blau.
Auffallend ist auch das Flimmerphänomen bei mehrfarbigen Rasterbildern wie „Die Freundinnen“ oder „Kopf“ aus 1966, bei denen mehrere Farbraster mittels Lochblech und Spritzpistole über- und nebeneinander gesetzt wurden. Irgendwie scheint sich das Bild dann von seinem Träger zu lösen und erzeugt bei bestimmter Distanz farbige Vibrationen. Diese Entlassung des Bildes aus seiner endgültigen Fixierung entwickelt Polke dann konsequent zur Transparentmalerei, die mit Polyestergewebe arbeitet. Letztlich mündet dies in der beidseitigen Bemalung, wie bei der „Laterna Magica“ (!988-1992) mit ihren unterschiedlichen, sich gegenseitig durchdringenden Motiven.
Faszinierend sind seine Arbeiten mit unerprobten Farbstoffen, Mineralien und Chemikalien, die allerdings nur zu mäßig steuerbaren Produktionsprozessen führen, wie die Explosion eines Brennofens schlagend bewies, … ausgerechnet am 26. April 1986, dem Tag von Tschernobyl.
Unbändige Neugier war seine Wesenszier. Materialen und Phantasie zaubern seine Kunstkraft. Elektrisierende, neugierige Titel waren ausschlaggebend für sein Werk, so die „hochsignifikante Krümmungscharakteristik“ bei Flamingos oder die „morphologische Einheit“ vom Handtäschchen-schwingenden Damen und Palmen. Wer außer Sigmar Polke konnte uns auch eine solch epochale Erfindung wie das Encephalofon schenken, diesem „Gerät zur Übermittlung drahtloser Zuneigungen und anderer historischer Gemütslagen“?
Einen freundlichen Einblick in das Werk von Sigmar Polke gewährt die Hommage in Berlin, Akademie der Künste, 14. Januar bis 13. März 2011. Oder der ausgezeichnete, sehr private Katalog von Klaus Staeck, „Sigmar Polke –Eine Hommage“. (Steidl Verlag, Göttingen), der den privaten Künstler umschmeichelt.
