Die Kunst, Mensch zu sein
Meditation Trance Buddhismus Sufis
Wer kennt das nicht, dass ein längerer Spaziergang den Kopf frei macht und Gedanken und Geist äußerst produktiv werden. Goethe hat es so gemacht . und jeder andere Mensch könnte es auch. Meist fehlt die Muße, der Raum in unserer hektischen Welt, um das umzusetzen. Mit der nötigen, leicht erlernbaren Technik, ist es aber auf dem kleinsten Raum möglich, seiner selbst bewusst zu werden, Körper und Geist “gewahr zu sein”, sagt der gemeinnützige Verein Shambhala. Seit August 1981 gehört das Meditations-und Begegnungszentrum zum Marburger Vereinskosmos.

kyudo-meditieren-vor-dem-schuss
Gegründet als europäische Zentrale der weltweit rund 215 Zentren und Gruppen des weltlich orientierten Shambhala Buddhismus, wuchs der Sprößling schnell heran zu einem stattlichen Baume. Ursprünglich beheimatet in Nordamerika, besonders im kanadischen Halifax, suchte der weltliche und spirituelle Führer einen geeigneten friedlichen und weltoffenen, zentralen Ort in ruhiger und landschaftlich schöner Gegend … die Universitätsstadt Marburg wurde auserkoren. Marburg war damals schon ein “Ort der Vielfalt” mit rund 140 gemeldeten Nationen. Der Nukleus zog damals Menschen aus ganz Europa an. Die Zentren sind offen für alle Menschen, Kulturen und bieten wöchentlich Offene Stunden und Kurse an.

Sitzmeditation im Zentrum
“Alle Menschen sind bei uns willkommen, ohne Unterschied. Wer zu sich selbst finden, also meditieren möchte, ist hier richtig”, umreißt der Marburger Leiter Björn Hunsdieck die Leitlinie. Niemand würde bedrängt, seine eigene Überzeugung aufzugeben, das gebiete alleine schon die Achtung vor dem Lebensplan des Einzelnen. “Viele Wege führen nach Rom, viele Wege führen zu sich selbst”, betont der Leiter mit freundlicher Stimme.
Wie aber kann Meditation, also tiefes Nachdenken, ausgeübt werden? Was genau ist das?
Meditation ist eigentlich eine ganz normale Angelegenheit, keine heilige oder spirituelle Handlung. Sie kann auch bei den täglichen Beschäftigungen verwendet werden. Wie bei der Technik des Schnellschlafes ist man in maximal 5 Minuten wieder frisch und leistungsgesteigert. Neben der allgemein bekannten Meditation im Sitzen auf Kissen oder Stuhl, kann dies auch im Gehen erfolgen, oder beim japanischen Blumenstecken Ikebana, das hier Kado genannt wird. Oder durch Kyudo, das japanische Bogenschiessen. Kyudo ist zwar eine alte Kampfkunst, wird aber eher wegen all seiner zeremoniellen Anteile von Europäern gewählt, zentral ist die gleitende, sanfte Bewegung, das “Einswerden von Bogen und Ziel”. Kyudo ist ein Miteinander, kein Gegeneinander . kein Wettbewerb im sportlichen Sinne. Wenn man sieht, dass jemand an bestimmten Stellen sich verbessern könnte (wie: Meditation, Bogen handhaben), dann sagt und unterstützt man diesen Menschen dabei, besser zu werden. Jeder hilft jedem.
Meditieren bedeutet, eine nach Innen horchende, in Gedanken versunkene - sogenannte kontemplative - Betrachtung, auszuüben. Meditation und Trance ist beispielsweise voraus gesetzt, wenn man in Indien über glühende Kohlen oder Glasscherben geht. Meditation und Trance sind bspw. auch Techniken der Sufis, der tanzenden Derwische, im türkischen Konya, um sich selbst so nahe wie möglich zu kommen. Würde, Humor und Leichtigkeit sollen durch Meditation in jeder Handlung zum Ausdruck kommen, sei es im Haushalt, Beziehung, Kindererziehung oder Arbeitsleben. Nicht mystisch, abgehoben, sondern mit beiden Beinen im Hier und Jetzt, das ist Meditation in Marburg-Weidenhausen und in allen Shambhala Zentren von Anfang an.
Wenn man durch regelmäßige Meditation lernt, genauer hinzuschauen bzw. achtsam zu sein, so ist dies im tagtäglichen Leben von hohem Nutzen. Inmitten des hektischen Alltags entdeckt man Einfachheit, Ruhe und Zuversicht. Im Buddhismus und in der Shambhala-Tradition ist Meditation einfach eine Übung, mit der Achtsamkeit und Gewahrsein geschult werden, um herauszufinden, wer und was wir sind. Beide sind letztlich Werkzeuge, durch die man sich selbst finden kann und die das Leben in der Gesellschaft erleichtern.
Frauen und Männer, von Arzt bis Hilfeempfänger, sind ungefähr zu gleichen Anteilen unter den Marburger Mitgliedern vertreten. Finanziert wird der Verein durch freiwillige Beiträge in selbstbestimmter Höhe und Spenden. Anlässlich des 30jährigen Bestehens macht der Verein am 3. September für die interessierte Öffentlichkeit einen Tag der offenen Tür. Den größeren Rahmen bildet das Weidenhäuser Höfefest.
Informationen: www.marburg.shambhala.info
Shambhala Zentrum, Auf dem Wehr 33, 35037 Marburg, 06421 336 07
Fotos: Viktor Szymczak
Hintergrund
Der Autor stolperte bei der Medienauswertung in letzter Zeit relativ häufig über Begriffe wie Meditation, Trance, Techniken, Shambhala Buddhismus. Das erweckte die wissenschaftliche und journalistische Neugier. Der Versuch, alles einigermaßen zu verstehen, soll hiermit der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. Folgende Ausführungen sind allein Auffassungen, Deutungen des Autors. Basis waren folgende Online-Stellen.
www.halifax.shambhala.org/faqs.php
www.marburg.shambhala.info/
http://shambhala-koeln.de/index.php?id=2200
http://de.wikipedia.org/wiki/Kontemplation
www.schattenblick.de/infopool/religion/buddha/rbpre609.html
archiv.ub.uni-marburg.de/diss/z2008/0292/pdf/dak.pdf, Seite 2 (Dissertation Marburg 2008)
www.antalya.de/mevlana_tanzende_derwische.htm (über “Mevlana und die tanzenden Derwische”)
http://www.religion-online.info/buddhismus/themen/schulen.html
Shambhala war ein legendäres Königreich, eine “weise Gesellschaft” in Tibet, in dem Weisheit, Zufriedenheit, Gerechtigkeit und Frieden herrschten. Ähnlich einem irdischen Paradies. In der Shambhala Tradition geht es weniger um ein meditatives Leben in Zurückgezogenheit, sondern um Leben mitten in der Gesellschaft. In der kanadischen Provinz Nova Scotia liegt übrigens das einzige Kloster des Shambhala Buddhismus im Westen. Shambhala ist westlich orientiert, verantwortungsbewusst im sozialen Handeln, friedlich und weltoffen.
Spirituelles Oberhaupt der rund 215 Shambhala Zentren und Gruppen in der Welt ist Sakyong Mipham Rinpoche, ältester Sohn, spirituell und weltlicher Erbe des Gründers Chögyam Trungpa Rinpoche. Er residiert meist im kanadischen Halifax. Das dortige Zentrum schreibt zum Thema:”The Shambhala Buddhist path, unique in the world of Western Buddhism, combines the teachings of the Kagyü and Nyingma traditions of Tibetan Buddhism with the Shambhala principles of living an uplifted life, fully engaged with the world.” Und weiter “Shambhala is dedicated to the view that a dignified life based on meditative understanding is accessible to everyone and can blossom into an enlightened society. Contemplative practices bring into our ordinary lives a natural sense of goodness, fearlessness, and humor.”
Kontemplation (von lat. contemplare: “anschauen, betrachten”) bedeutet allgemein Beschaulichkeit oder auch beschauliche Betrachtung. In der Regel wird durch ein kontemplatives Leben oder Handeln ein besonderer Empfindungszustand oder eine Bewusstseinserweiterung angestrebt. Eine kontemplative Haltung ist von Ruhe und sanfter Aufmerksamkeit auf einen Gedanken bestimmt und unterscheidet sich von der Meditation durch die dort angestrebte vollkommene Leere des Geistes. (Angelehnt an http://de.wikipedia.org/wiki/Kontemplation)
Arts -Kunst im allgemeineren Sinne- sind z.B. Schöne Künste oder Malerei, Handwerkskunst
Mindfulness - Shamatha- Achtsamkeit: In der Alltagspsychologie ist mit Achtsamkeit umgangssprachlich beispielsweise am ehesten eine erhöhte, bewusst kontrollierte Aufmerksamkeit gemeint.
Gewahr sein (Vipashana) - seiner selbst bewusst sein
“Im Allgemeinen wird unter Achtsamkeit verstanden, die vollständige Aufmerksamkeit in vorurteilsfreier und akzeptierender Weise auf die Erfahrungen zu richten, welche im gegenwärtigen Moment passieren.” (archiv.ub.uni-marburg.de/diss/z2008/0292/pdf/dak.pdf, Seite 2 )
Kyudo -japanische Bogenschiessen- gehört zu den ältesten Kampfkünsten, die auch mit der Geisteshaltung des Zen-Buddhismus praktiziert werden kann. www.kaikatsuan.ch/index.php?option=com_content&view=article&id=33&Itemid=40
Dharma : Wahrheit- sind Unterweisungen in buddhistischen Lehren
.
Dechen Chöling (Ort im französischen Zentral Massiv, nahe Limoges): Seit 1995 das EU-Zentrum des Shambhala Buddhismus
Oryoki: einnehmen von Mahlzeiten nach Zen Ausführlich vgl: www.schattenblick.de/infopool/religion/buddha/rbpre609.html
Kado oder umgangssprachlich: Blumenstecken; der Weg der Blumen. Vielleicht auch als Art von Ikebana (”lebende Blumen”) bekannt, ist ein Mittel zum Zweck der inneren Betrachtung. Ähnlich wie Kontemplative Fotografie. Vor 2000 Jahren in China begonnen, von Japan übernommen und angepasst, ist es das Ziel von Kado, Freude und Genugtuung zu entdecken, wenn man sich mit Dingen beschäftigt. Und “Achtung vor Gottes Natur” zu empfinden.
Achtsamkeit: “Im Allgemeinen wird unter Achtsamkeit verstanden, die vollständige Aufmerksamkeit in vorurteilsfreier und akzeptierender Weise auf die Erfahrungen zu richten, welche im gegenwärtigen Moment passieren . Achtsam zu sein bedeutet also nach dieser Definition zum einen, dass man mit seinen Gedanken nicht in der Vergangenheit oder in der Zukunft ist, sondern im Hier und Jetzt, und zum anderen, dass die im Alltag erlebten Dinge nicht bewertet, sondern mit einer offenen Haltung angenommen werden. Nach Heidenreich und Michalak (2004) ist bei den meisten Menschen die Aufmerksamkeit häufig nicht auf den gegenwärtigen Augenblick gerichtet, sondern die geistigen Fähigkeiten werden eher dazu genutzt, in Erinnerungen zu versinken oder über die Zukunft zu grübeln. Dies passiert dabei in der Regel nicht gefühlsmäßig neutral, sondern wird durch die aktuelle Stimmung beeinflusst.
Während die Gedanken in die Vergangenheit oder Zukunft abschweifen, wird der gegenwärtige Moment nur noch halbbewusst wahrgenommen und Körper und Geist sind nicht in Übereinstimmung miteinander (Heidenreich & Michalak, 2004). Achtsamkeit bedeutet dementsprechend, sich dem zuzuwenden, was im Hier und Jetzt passiert, und somit Körper und Geist in Übereinstimmung miteinander zu bringen. Von einem praktischen Gesichtspunkt aus wird in vielen Beschreibungen unter Achtsamkeit entsprechend auch die Fähigkeit verstanden, mit ungeteilter Aufmerksamkeit nur eine Sache zu einer Zeit zu tun (Hanh, 1976)..” archiv.ub.uni-marburg.de/diss/z2008/0292/pdf/dak.pdf, Seite 2
Meditation wird in den USA zB folgendermaßen definiert (Jeff Brantley, MD. Duke Center for Integrative Medicine):
“What is Meditation? Meditation refers to the activity of intentionally paying attention, to a particular object for a particular purpose. Spiritual practitioners and members of many faith traditions have developed meditation practices over countless years of human experience. There are literally thousands of ways to practice meditation. As it has been developed in diverse faith traditions, the purpose of all meditation practice is to awaken us. Meditation is intended to bring about transformation and change, through understanding, compassion, and clarity of seeing.”
Weitere Informationen: http://health.ucsd.edu/specialties/psych/mindfulness/what-is/
