„Macht das SINN … ?
Frankfurter Treffen stimmt Neue Wege in Hessen ab, um Langzeitarbeitslosen zu helfen

Kritische Aufmerksamkeit allerorten
Gut 100 Vertreter aus ganz Hessen, von Sozialministerium über Bildungsträgern wie dem einladenden Marburger Verein Arbeit und Bildung, Arbeitsverwaltungen, Gewerkschaften und Wissenschaft, trafen sich kürzlich in Frankfurt. Besprochen wurden neue Wege und Erkenntnisse, wie den langzeitarbeitslosen Mitbürgern noch wirksamer und nachhaltig geholfen werden kann. Ausgehend von den Ergebnissen des u.a. von Land, Landkreisen und Europäischem Sozialfonds geförderten Projektes SINN (Selbstorganisation, Integration, NeubeginN von Langzeitarbeitslosen) und seiner wissenschaftlichen Auswertung, ging es zugespitzt formuliert um die Fragen: „Wie soll mit immer weniger Mitteleinsatz die Qualifizierung von Langzeitarbeitslosen zu Fachkräften gelingen? Reicht es aus, Langzeitarbeitslose nur zu verwalten und die Integration quasi aufzugeben?“
Die Studie von Frank Bölts zeigt u.a., dass man gruppenpädagogische Ansätze verstärkt einsetzen könnte, sowohl in Betrieben und Institutionen und dass Bildungsträger, pädagogische Einrichtungen und Arbeitsvermittlungsinstanzen noch besser zu vernetzen sein sollten, um die gezielte Orientierung am individuellen Bedarf der Klienten zu optimieren.

Amüsanter Stil ... Prof. John Erpenbeck
Nur durch eine Professionelle Vernetzung von Bildungsträgern, pädagogischen Einrichtungen und Arbeitsvermittlungsinstanzen kann der Arbeitsuchende als ganzer Mensch verstanden und gefördert werden. Dadurch gäbe es mehr Kräftebündelung zum Wohle der Arbeitssuchenden, mehr Verständnis für andere Institutionen. In Holland beispielsweise umfasst das betreuende Team sogar den Hausarzt, denn es gilt ja: “Ohne Gesundheit keine Beschäftigung“. In Hessen wird das zunehmend berücksichtigt im sog. „Gesundungsmanagement“.

Prof. Marianne Friese
Das umspannt Punkte wie Ernährungspläne erstellen, Rückenschule, Tagesablauf strukturieren, Bewusstsein für den eigenen Körper schaffen oder ggfs. Sucht-Management. Geist und Körper des Arbeitssuchenden werden stabilisiert und neue Kraft freigesetzt.
„Wir verfolgen schon seit 25 Jahren einen strikten, ganzheitlichen Kurs bei der Förderung, wenn langzeitarbeitslose Mitbürger von uns betreut werden“, unterstrich Abteilungsleiter Christian Hendrichs als Vertreter des Ausrichters gegenüber dieser Zeitung.
Einen großen Motivationssprung lösen individuelle Erfolgserlebnisse aus wie bspw. die bestanden Führerscheine „Internet bedienen“ oder „Motorsäge führen“, letzteres ist landläufig auch als „Fichten-Moped“ bekannt. Diese „Bausteine“ oder „Teilqualifikationen“, müssen noch mehr gefördert werden, darüber war sich die Tagung einig.
Professor John Erbenbeck, Berlin, wies darauf hin, dass die organisationseigenen Unternehmenswerte (Corporate Identity, CI) der Vermittlungsinstanzen, Bildungsträger und anderer Organisationen von der jeweiligen Belegschaft erst verinnerlicht, in die eigen Kompetenz aufgenommen sein müssen, um den Arbeitssuchenden überhaupt optimal helfen zu können. Unternehmenswerte werden dabei von den Mitarbeitern je nach Größe eines Unternehmens unterschiedlich bewertet: In kleineren Betrieben wie etwa Autowerkstätten, da sieht der einzelne Mitarbeiter Corporate Identity als sein Beziehungsgefüge zu den anderen Kollegen an. Und Kunden identifizieren CI mit den einzelnen Mitarbeitern und den dabei gemachten, eigenen Erfahrungen. Bei großen Betrieben wie Uni Kliniken, da schauen die Mitarbeiter quasi von außen sehr genau, was von den Werten eigentlich für sie selbst gut ist und … auch umgesetzt wurde. Ab ungefähr 20 Mitarbeitern, sagt Erpenbeck, wechseln die beiden Auffassungen.
Ganz Hessen lauscht ...
Die Arbeitsgruppen um Professor Marianne Friese, Gießen, und Studienverfasser Frank Bölts arbeiteten heraus, dass man gruppenpädagogische Ansätze verstärkt wieder einsetzen sollte, sowohl in Betrieben und Institutionen, nicht nur das übliche Einzelcoaching, das eher reines Wissen vermittelt. In diesem Zusammenhang wies ein Referent ergänzend darauf hin, dass nur rund 6 Prozent einer Weiterbildung bei den Teilnehmern überhaupt „hängen“ bleiben. Auch eine weitere „Professionalisierung des pädagogischen Personals“ sei notwendig.
Gefordert wurde einstimmig einerseits ein Atlas aller Netzwerke, eine hessische Landkarte der Netzwerke, die mit und für Arbeitssuchende arbeiten, und andererseits unabhängige, politisch neutrale Kooperationszentren, ähnlich einer Art „Stiftung Warentest“ für den Bereich Langzeitarbeitslosigkeit, um besonders die Zielgruppen Alleinerziehende und Langzeitarbeitslose zu einer neuen Arbeitsstelle zu verhelfen.

Christian Hendrichs (re) dankt den Teinehmern für eine tolle Tagung. Daneben Frank Bölts, Brigitte Baki, Prof. Marianne Friese und Prof. John Erpenbeck
Informationen: www.arbeit-und-bildung.de
Fotos: Viktor Szymczak
Hintergrund:
Einige der Thesen von Prof. John Erpenbeck, Steinbeis University Berlin, lauten:
„Kompetenzen sind Fähigkeiten, in unerwarteten, (zukunfts-) offenen Problem- und Entscheidungssituationen kreativ und selbstorganisiert zu handeln.“
„Kompetenzen werden anders als Fertigkeiten, Wissen und Qualifikationen angeeignet, es sind keine Persönlichkeitseigenschaften.“
„Persönlichkeitseigenschaften grundieren Kompetenzen, determinieren sie aber nicht. Kompetenzen integrieren Persönlichkeitseigenschaften, werden aber durch die Performanz und das wahrnehmbare Handlungsresultat determiniert.“
Wissensvermittlung und Qualifizierung sind keine Kompetenzentwicklungsmaßnahmen!
„Die Bildungsschere wird aus Sicht der Experten langfristig zu einem Hemmschuh in Deutschland. Während einerseits aufgrund demografischer Entwicklungen immer weniger Menschen die Last der Renten tragen mu?ssen, entsteht parallel eine immer größer werdende Gruppe von Nicht- oder kaum Gebildeten, was auch die sozialen Sicherungssysteme grundsätzlich in Frage stellt. Besorgt äußerten sich die Experten mit Blick auf die sich weitende Bildungsschere über die Entwicklung des deutschen Bildungssystems – und insbesondere über die einseitige Förderung von Eliten. Die soziale Spaltung und die Bildungsarmut wurden von den Experten als ein wichtiges, zu bearbeitendes Spannungsfeld hervorgehoben.“
Arbeitsgruppen der Tagung :
Gruppenpädagogik ( Prof. Dr. Marianne Friese);
Institutionelle Vernetzung (Prof. Dr. Marianne Friese);
Corporate Identity (Prof. Dr. John Erpenbeck);
Teilqualifikationen (Brigitte Baki, DGB Erfurt);
Gesundungsmanagement (Dieter Schulze).
